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Der Cornetto

by Peter Ruch

Das Leben ist schön

Es ist immer das Gleiche mit den Franzosen: Sie veranstalten das ganz grosse Tamtam. Das Croissant ist ein Heiligtum, es muss geschützt werden, mindestens vom Sicherheitsrat der UNO, nichts lässt sich damit vergleichen. Dabei ist dieses Plundergebäck etwa so französisch wie die Nudeln ursprünglich italienisch. Erfunden wurde es vielleicht oder wahrscheinlich von siegestrunkenen Wiener Bäckern, denen es 1683 zu verdanken war, dass die Türken zurückgeschlagen werden konnten. Als Siegestrophäe wurde anscheinend ein Gebäck in der Form eines türkischen Halbmonds erschaffen – das es als Kipferl (also ein Hefegebäck) wohl erst Mitte des 19. Jahrhundert nach Paris schaffte. Das älteste französische Rezept für das Croissant stammt aus der «Nouvelle Encyclopedia culinaire» von 1906; andere Quellen sehen Sylvain Claudius Goy als Erfinder, dies dann im Jahre 1915.

Anders der Cornetto, der fand schon viel früher den Weg von Wien zuerst nach Venedig und dann auch auf den ganzen Stiefel. Auch ist das italienische Hörnchen viel elaborierter als die gefaltete Butterblätterteigbombe aus Frankreich, süsser, weicher, luftiger, aromatischer. Im Gegensatz zum Croissant enthält der Cornetto Eier und Zucker, ist also viel weniger warme Luft als die französische Interpretation, die sich gerne selber in Brösel auflöst. Und dann kommen drei entscheidende Dinge dazu: Zum Cornetto (der im Norden von Italien erstaunlicherweise als Brioche bezeichnet wird) erhält man einen guten Kaffee; das ist in Frankreich ein Ding der Unmöglichkeit. Zudem hat der Italiener nichts dagegen, wenn er gefüllt wird, er bricht da nicht gleich zusammen und jammert etwas von Blasphemie. Und schliesslich werden die italienischen Cornetti noch viel öfter von Hand gemacht; in Frankreich sind mehr als 80 Prozent der Croissants Industrieware.

Wenn man nun als Zuckerbäcker in Neapel den schönen Namen Marco Napolitano trägt, dann ist das auch eine Verpflichtung. Die Pasticceria Napolitano befindet sich etwas ausserhalb des Zentrums. Der Ort ist jetzt nicht besonders schön, draussen sitzt man direkt neben einer Tankstelle (aber auch vor einer Kirche). Der Cappuccino ist gut, sehr gut – und dann ist da halt die grosse Auswahl an Cornetti. Klar, der Klassiker ist leer, vuoto, aber dann gibt es auch die mit Füllungen, Crema pasticcera, Marmellata (Aprikose oder Kirsche), Pistaziencreme, Nutella (ja, kann man machen). Das sind dann bei Marco ganze Mahlzeiten – und es braucht jahrelange Erfahrung, um diese Dinger einigermassen anständig verspeisen zu können, ohne dass man nachher eine Dusche braucht.

Und dann ist da eben noch dies: Man sitzt draussen, Cappuccino, Cornetto. Die Sonne scheint, es ist angenehm warm. Links plaudern vier Mütter aufgeregt über Nachwuchs und wohl auch deren Erzeuger (sie bestellen dann bald schon ein erstes Glas Prosecco), rechts schweigen sich zwei distinguierte Herren in friedlicher Ruhe an. Die halbe Stadt läuft über diese Piazza, schöne Frauen, alte Männer, wilde Kinder, kleine Hunde. Man bestellt dann noch einen zweiten Cappuccino und schon hat man wieder eine Stunde mit der Betrachtung der Welt verbracht; es sind solche Rituale, die das Leben schön machen können.

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