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Noch ein Caffè

by Peter Ruch

Zu guter Letzt

Italien ist in Aufruhr. Einverstanden, Italien ist seit der Gründung Roms (753 v. Chr.) immer schon in Aufruhr oder anderem Furor, täglich, das gehört einfach zum Charakter des Landes. Doch seit Valentina Palange im Frühling vergangenen Jahres ihr Buch «Il Caffè in Italia fa Schifo» (Der Espesso in Italien ist ekelhaft) veröffentlicht hatte, befindet sich der Stiefel in einem Ausnahmezustand, wie es ihn seit dem Werk des Herrn Professor Alberto Grandi mit dem Titel «La cucina italiana non esiste» (Die italienische Küche existiert nicht) nicht mehr gegeben hat. Faschisten, Bunga Bunga, ewige Korruption, selbst diverse Nicht-Qualifikationen für grosse Fussballmeisterschaften – Italien erträgt ja vieles, aber Kritik aus den eigenen Reihen an Essen und Trinken, da gibt es dann schon: Grenzen.

Palange ist so eine Zeitgeistliche. Sie trinkt ihre Gesöffe nur in hippen Bars, am liebsten so mit violetten Schäumchen, die Bohnen nur mit der linken Hand gepflückt bei Sonnenuntergang in einem Naturschutzgebiet, der bärtige, barfüssige, brustnippelgepiercte Barista ein geweihter Bruder des Ordens zur scheinheiligen Abzocke. Mit dem Hochloben solch schmieriger Etablissements machte sie auf sozialen Medien Geld und eine bescheidene Karriere, die nun plötzlich durch die Decke geht, weil sie sich an einem nationalen Kulturgut abarbeitet. Vom wahren Caffè, der ausserhalb von Italien gerne und aus unerfindlichen Gründen Espresso genannt wird, hat die Dame nicht viel Ahnung.

Lario Est ist nun auch nicht die schönste Raststätte Italiens. Aber es ist, wenn man in Richtung Norden auf der Autobahn von Mailand her kommt, die letzte vor der Schweizer Grenze. Die letzte Möglichkeit, noch einen Caffè zu trinken, schnell, also espresso, im Stehen, die Schuh’ auf Brotkrumen und aufgerissenen Zuckersäckchen, den Arm aufgestützt auf einer klebrigen Theke. Es ist laut, nicht sonderlich gut riechende Lastwagenchauffeure drängen sich vor, deutsche Touristen staunen und kaufen sich noch eine billige Salami sowie überteuerte Pasta, der Barista steht schon seit vierzehn Stunden hinter seiner Bar und ist entsprechend gelaunt, irgendwo jammert noch ein Baby. Oder ein Hund. Es ist wahrscheinlich nicht der beste Caffè von Italien, dort in Lario Est, sehr dunkel geröstet, im Gusto leicht verbrannt, tatsächlich etwas bitter. Der Marge zuliebe wohl von minderer Qualität. Von «schifo», also ekelhaft, aber immer noch ganz weit entfernt.

Denn er ist immer noch deutlich besser als jeder Espresso ausserhalb von Italien, weil: Es gehört einfach alles dazu, ein italienischer Caffè ist ein Grossesganzes, ein Kulturgut samt Lärm und zumeist missmutigem Barista und Müll auf dem Boden. Aber es sind fünf Minuten Pause, das Charakterbild einer ganzen Nation mit mindestens drei Jahrtausenden wilder Geschichte sowie edler Kultur, konzentriert in einer kleinen Tasse. Das ist Lebensart, mehr noch: Lebensfreud‘.

Mehr Essen und Trinken: pure.

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